Vor 55 Jahren: Der Arbeiteraufstand in Nowotscherkassk

Der Aufstand in Novotscherkassk ereignete sich am 1. und 2.Juni 1962 in der Stadt Novotscherkassk und stellte die bedeutendsten Arbeiterunruhen in der Sowjetunion dar. Chruschschows verfehlte Agrarpolitik führte zu einer Versorgungskrise und deshalb erhöhte er die Preise um bis zu 35% und senkte gleichzeitig die Löhne um 35 %.

Die Arbeiter der Lokomotivfabrik gingen in den Ausstand, verbrannten Chruschtschow-Bilder und forderten Lohnerhöhungen und Nahrungsmittel für ihre Familien.Am 1. Juni 1962 abends fuhren die ersten Panzer. Am 2. Juni 1962 zogen die Arbeiter von der Fabrik in die Stadt, in der ebenfalls Streiks ausbrachen. Sie zeigten Lenin-Porträts und waren zunächst friedlich, erstürmten dann allerdings Gebäude der Miliz und des Exekutivkomitees der Partei. Beamte wurden verhöhnt und Milizionäre verprügelt. Es soll sich etwa die Hälfte der Stadtbevölkerung mit den Demonstranten solidarisiert haben. Einheiten der Sowjetarmee hatten mittlerweile die Innenstadt abgeriegelt. Ab11:00 schoß das Militär auf die Demonstranten und beendete den Aufruhr. Es gab 24 oder 26 Tote, einen Schauprozeß und zahlreiche Geheimverfahren. Sieben als Rädelsführer identifizierte Teilnehmer wurden später wegen bewaffnetem Bandentum zum Tode verurteilt, zahlreiche weitere Teilnehmer zu Haftstrafen. Die sowjetische Regierung schwieg die Vorkommnisse soweit möglich tot. Als verantwortlicher Kommandeur des Militärbezirks Nordkaukasus befahl General Issa Plijew den Einsatz gegen die Demonstranten. Derselbe General Plijew war Monate später der Kommandeur bei Chruschtschows Kuba-Krisen-Abenteuer.

Generalleutnant Matwei Schaposchnikow, von Stalin 1944 als Held der Sowjetunion ausgezeichnet, weigerte sich damals, wie vom Kommandeur des Militärbezirks General Plijew befohlen mit Panzern gegen die aufständischen Arbeiter vorzugehen. 1966 wurde Schaposchnikow in die Reserve entlassen. 1967 erfolgte sein Ausschluß aus der KPdSU.

Im selben Jahr wurde gegen ihn Anklage wegen „antisowjetischer Propaganda“ erhoben – er hatte Briefe zu den Ereignissen von Nowotscherkassk unter anderem an mehrere Literaten gesendet – die Anklage wurde aber in Anbetracht seiner Kriegsverdienste wieder fallengelassen. 1988 wurde Schaposchnikow rehabilitiert und wieder in die Partei aufgenommen. Erst 1992 wurden die Akten zu dem Fall geöffnet. 20 Körper wurden 1992 identifiziert und auf dem Friedhof von Nowotscherkassk beigesetzt. Ein Strafverfahren gegen die Verantwortlichen des Militäreinsatzes wurde 1992 eingestellt, da keiner der Angeschuldigten mehr lebte.