November 2017
100 Jahre Große Oktoberrevolution

Sowohl die bürgerliche als auch die traditionelle kommunistische und linke Geschichtsschreibung beschreiben sie als Große Sozialistische Oktoberrevolution. Diese hatte aber mit Sozialismus in der Wirklichkeit gar nichts zu tun.

Aufgrund der enormen Verluste der russischen Armeen in den Jahren 1914 bis 1916 war die Rekrutierung neuer Jahrgänge unumgänglich geworden. Bis Anfang 1915 hatte die russische Armee bereits 1,8 Millionen Mann an Toten, Verwundeten und Kriegsgefangenen verloren.Die hohen Verluste halbierten den Kaderbestand der Vorkriegszeit der am besten ausgebildeten Truppen. Die zwei Millionen Neurekrutierten, die sie ersetzen sollten, erhielten nur noch eine Grundausbildung von wenigen Wochen, bevor sie an die Front geschickt wurden. Auch ihre Bewaffnung blieb mangelhaft, weil die militärische Führung nur für einen kurzen Krieg geplant und den Bedarf an Gewehren und Granaten gehörig unterschätzt hatte. Das trieb die Verlustraten hoch. Die militärische Führung setzte auf zahlenmäßige Stärke. In immer neuen Mobilisierungswellen wurden schließlich über 15 Millionen rekrutiert.

Die seit Herbst 1916 eingezogenen Reservisten stammten überwiegend aus den älteren Jahrgängen, die nicht mehr damit gerechnet hatten, einrücken zu müssen, da sie nach der Militärgesetzgebung Miljutins (ein früherer zaristischer Verteidigungsminister) ihre Schuldigkeit bereits getan hatten. Alles Männer über 40, die ihren Dienst bereits ihrer Jugend verrichtet hatten und die nur aufgrund mangelnder Menschenressourcen des Zarenreiches einrücken mußten. Der Widerwille, den sie ihrem Schicksal entgegenbrachten, ist mehr als verständlich, denn zum einen mußten sie ihre Dörfer just zu dem Zeitpunkt verlassen, als dort das Leben besser wurde, und zum anderen waren die Straßen der Hauptstadt von jungen Männern wehrpflichtigen Alters überschwemmt, die ihren Pflichten nur deshalb entronnen waren, weil sie einer anderen Schicht angehörten.

Eine Vielzahl freier Berufe sowie große Teile der Intelligenz waren im Zarismus vom Wehrdienst freigestellt oder konnten sich ihm ohne Schwierigkeiten relativ problemlos entziehen. Die Hauptlast immer neuer Einberufungswellen trug die russische Bauernschaft.

Diese Garnisonen in den wichtigsten Städten des Reiches waren für Kriegsmüdigkeit und den Verfall an Disziplin besonders anfällig. Die Rekruten wohnten in überfüllten Kasernen und ihr größter Wunsch bestand darin, nicht an die Front gehen zu müssen.

Zur Sicherheit des zaristischen Systems war die Hauptstadt eigentlich mit Gardeeinheiten und gestandenen konterrevolutionären Regimentern reichlich bestückt. Doch diese Garderegimenter standen inzwischen an der Front. In Petrograd und den anderen russischen Metropolen waren ihre Kasernen nun mit den Rekruten der letzten Einberufungen gefüllt, den Reserveregimentern für die an der Front stehenden Garderegimenter.Dem Regimentsnamen nach waren diese Einheiten feste Stützen des zaristischen Systems, befleckt mit dem zweifelhaften Ruhm der blutigen Volksunterdrückung aus den Jahren 1905-1907. Im Winter 1916-1917 waren sie mit unzufriedenen Bauern aus den letzten Rekrutierungen gefüllt, die in überfüllten Kasernen zusammengepfercht wurden, wo sie weder vernünftig ausgebildet noch beschäftigt werden konnten. So wurden 1000 bis 1500 Rekruten in Unterkünften zusammengepfercht, die ursprünglich für eine Kompanie ausgelegt waren.

Und erst recht verspürten diese Rekruten kein Interesse, im kommenden Frühjahr/Sommer an der Front verheizt zu werden. Die Besonderheit des zaristischen Militärsystems, die Rekrutenausbildung aus Bequemlichkeit und Kostengründen in den Kasernen der Frontregimenter durchzuführen, führte dazu, daß Petrograd in diesem Kriegswinter mit 150 000 bis 180 000 Soldaten überschwemmt war, von denen die meisten Rekruten der letzten Einberufungswelle waren.

Während andere kriegführende Länder die Ausbildung neuer Rekruten auf dem „flachen Land“, in Kasernen und auf Truppenübungsplätzen fernab der städtischen Metropolen organisierten, schuf die militärische Verwaltung der zaristischen Armee mit ihrer Inkompetenz und Gleichgültigkeit gegenüber dem einfachen Soldaten neben einer immer unruhiger werdenden Arbeiterschaft einen zweiten potenziellen Unruheherd in der Garnison der Hauptstadt.

Der Oktoberumsturz

Die Abwendung der Bauernschaft von Kerenski, die sich im Juli/August 1917 vollzog, verlangte nach einer politischen Alternative zur Provisorischen Regierung. Die bisherige Mehrheit des Sowjets weigerte sich jedoch weiterhin, die politische Macht in die eigenen Hände zu nehmen. Entsprechend dem Stimmungsumschwung unter der Bauernschaft forderte die bolschewistische Partei die baldige Einberufung eines neuen Sowjetkongresses, der mit Sicherheit weit links von einer Koalition mit der Bourgeoisie stehen würde. Auf dem Boden dieser neuen Sowjetmacht wäre die Bildung einer gemeinsamen sozialistischen Regierung, wie sie inzwischen von bedeutenden Teilen der Menschewiki und Sozialrevolutionäre gefordert wurde, möglich gewesen.

Während eine künftige Sowjetmehrheit für eine rein sozialistische Regierung ziemlich sicher war, ließ sich dasselbe für eine eigenständige bolschewistische Machtergreifung nicht sagen. Lenin favorisierte u. a. deshalb seit September entschieden den bewaffneten Aufstand der Partei ganz unabhängig von künftigen Sowjetmehrheiten. Die Partei müsse unverzüglich die ganze Macht ergreifen, den Bauern das Land geben und den sofortigen Frieden anbieten. Diesen Aufstand sollte sie unbedingt vor dem Zusammentritt des nächsten Sowjetkongresses durchführen, denn die Mehrheit der Arbeiter, Bauern und Soldaten würde die neue Macht aufgrund der unverzüglichen Umsetzung ihren politischen und sozialen Forderungen tragen.

Tatsächlich erfolgte die Machtergreifung aber nicht, wie Lenin gefordert hatte, unabhängig vom Zusammentritt des Sowjetkongresses, sondern zeitgleich. Militärisch erfolgte sie auch nicht als Aufstand der Bolschewiki,sondern als formelle Machtübernahme des „Militärrevolutionären Komitees des Petrograder Sowjets“ über die Garnison der Stadt. Der Sturm auf das Winterpalais, dieses Symbol der siegreichen Oktoberrevolution, war eine spätere, aber logische Folge dieser Machtübernahme.

Das Militärrevolutionäre Komitee verlangte unter Trotzkis Führung vom Oberkommandierenden des Petrograder Militärbezirks das Recht auf Gegenzeichnung aller seiner Befehle. Nach der Zurückweisung dieser Forderung erließ das Komitee folgenden Aufruf:“Auf der Sitzung vom 21. Oktober hat sich die revolutionäre Garnison vonPetrograd um das Militärrevolutionäre Komitee als um ihr Führungsorgan geschart. Dennoch hat der Stab des Petrograder Wehrkreises das Militärrevolutionäre Komitee nicht anerkannt und sich geweigert, die Arbeit gemeinsam mit den Vertretern der Soldatensektion der Sowjets durchzuführen. Damit hat der Stab mit der Garnison und dem Petrograder Sowjet gebrochen. Indem der Stab aber mit der organisierten Garnison der Hauptstadt bricht, wird er zu einem Werkzeug der konterrevolutionären Kräfte. … Soldaten von Petrograd! Es ist eure Aufgabe, unter der Leitung des Militärrevolutionären Komitees für die Sicherung der revolutionären Ordnung gegen konterrevolutionäre Anschläge zu sorgen. Alle die Garnison betreffenden Befehle, die nicht die Unterschrift des Militärrevolutionären Komitees tragen, sind ungültig.“

Dies war eine kaum verhüllte Mitteilung an die Regierung und die regionale Armeeführung, daß der Sowjet in Gestalt des Militärrevolutionären Komitees die Staatsgewalt zu übernehmen gedachte. Mit den Lehren von der Durchführung eines bewaffneten Aufstandes hatte diese Ankündigung wenig zu tun, lief sie doch quasi auf die Aufforderung zur Vorbereitung von Gegenmaßnahmen hinaus. Daß jedoch weder die Provisorische Regierung noch die Armeeführung den angemeldeten Aufstand niederschlagen konnte, lag jenseits der Unfähigkeit dieser Institutionen an der Tatsache, daß die Armee, wie im Februar beim Zarensturz,im Oktober beim Sturz Kerenskis nicht mehr zur Verteidigung der Regierung bereit war. Mit vollem Recht folgert der Menschewik Suchanow: „Im Grunde vollzog sich der Umsturz in dem Augenblick, als die Petrograder Garnison, die die Stütze der Provisorischen Regierung sein sollte, den Sowjet als ihre oberste Autorität und das Militärrevolutionäre Komitee als ihren unmittelbaren Vorgesetzten anerkannte. ...Schon am 21. Oktober war die Provisorische Regierung abgesetzt worden und existierte für das Gebiet der Hauptstadt nicht mehr.“

Auf Anweisung des Militärrevolutionären Komitees besetzten Einheiten der Garnison zusammen mit aufständischen Matrosen und der Roten Garde in den folgenden Tagen die strategisch wichtigen Punkte der Stadt und verhafteten am Schluß die Regierung im Winterpalais.Der „bewaffnete Aufstand des Petrograder Proletariats“ siegte deshalb weitgehend unblutig, weil er unter dem Schutz der Petrograder Garnison, die die Macht bereits zwei Tage zuvor faktisch übernommen hatte, vollzogen wurde. Auch hier erwies sich die von Bauernsoldaten bestimmte Garnison als Schirmherrin des Umsturzes.

Fazit:

Die Oktoberrevolution war kein proletarischer Aufstand für den Sozialismus wie es im Nachhinein propagiert wurde. Lenins Verdienst war es, daß er mit dem damaligen „marxistischem Dogma“ gebrochen hatte, daß nach dem Zarismus erst mal die Bourgeoisie an die Macht kommen sollte. Er erkannte die Stimmung der Bauernsoldaten, die Frieden, Brot und Land forderten.Dem konnten sich auch die unbewaffneten Proletarier in den großen Fabriken der Städte anschließen.

Zuerst mußte die junge Sowjetunion bis Anfang der 20er einen blutigen Bürgerkrieg gegen Kosaken und ausländische Intervention von allen Himmelsrichtungen ausfechten.Das Land war danch noch mehr ausgeblutet und verwüstet als es schon durch den 1. Weltkrieg war. Mit der NÖP (Neuen Ökonomischen Politik) mußte erst wieder die Wirtschaft stabilisiert werden, bevor man in den 30er Jahren im großen Stil den Sozialismus aufbauen konnte. Es war eine gigantische Leistung, die keines gleichen hatte. Während in der kapitalistischen Welt durch die Weltwirtschaftskrise alles zum Erliegen kam, wurde die Sowjetunion elektrifiziert und alphabetisiert. Alle Minderheiten erhielten Selbstverwaltung und eigene Schulen in ihrer Sprache. Teilweise bekamen sie erst durch die Oktoberrevolution eine eigene Schrift.

Es wurden neue Straßen und Eisenbahnlinien gebaut. Fabriken aller Art entstanden (Traktoren, Automobile, Flugzeuge, Panzer, Maschinen, Chemie). Die Wissenschaft und Forschung wurde auf den neuesten Stand gebracht. Die Sowjetunion unter Stalin trug die Hauptlast im Kampf zur Niederschlagung des Faschismus. Auch alle antikolonialistischen Kämpfe wurden von der Sowjetunion unterstützt.

Die nachfolgenden Revolutionen in China, Albanien, Indochina und die antifaschistischen Partisanenkämpfe in Jugoslawien, Frankreich und Italien sind ohne die Oktoberrevolution nicht erklärbar. Auch die heutige Weltlage, der Niedergang der USA und der Aufstieg Chinas, das durch die Revolution 1949 seine Souveränität erreicht, sind indirekt eine Folge der Oktoberrevolution.

Im Herzland der Oktoberrevolution wurde zwar der Bolschewismus verraten, aber in den Herzen der Menschen lebt er fort. Laut Umfragen in Rußland ist Stalin heute wieder der beliebteste Politiker noch vor dem Zaren, Gorbatschow und Putin.