Vor 100 Jahren: Albin Köbis und Max Reichpietsch hingerichtet

Vor 100 Jahren erfolgte die „Ouvertüre“ für die ein Jahr später folgende Novemberrevolution.Die Rede ist von der antimilitaristischen Matrosenbewegung, die mit dem Namen Albin Köbis und Max Reichpietsch verbunden ist. Ohne die Politisierung der Mannschaften der Kriegsmarine und den Matrosenaktionen im Sommer 1917 kein revolutionärer November 1918.

Das Jahr 1917 begann auf deutscher Seite mit dem Beginn des unbeschränkten U-Boot-Krieges im Atlantik. Ein Marineoffizier schrieb dazu im Februar in sein Tagebuch:“...habe eine ordentliche Erlösung empfunden, als heute vormittag die Zeitung die Nachricht vom Beginn eines verschärften U-Boot-Krieges brachte. Hoffentlich flutscht es nun bald recht gründlich, und es geht zu Ende mit Albions stolzer Herrlichkeit.“

Als Konsequenz dieses „totalen U-Boot-Krieges“ erklärt der us-amerikanische Präsident Woodrow Wilson dem Deutschen Reich am 6. April 1917 den Krieg.Parallel zu diesem Ereignis – wenn dieser zeitliche Zusammenhang auch Zufall ist – verlassen Lenin und weitere russische Revolutionäre in einem speziellen, von der deutschen Regierung gestellten Kurswagen der Bahn, ihr Züricher Exil in Richtung Rußland. Dort war einen Monat zuvor die zaristische Gewaltherrschaft gestürzt und eine bürgerlich-demokratische Regierung gebildet worden. Diese ließ aber keinen Zweifel daran, den Krieg fortsetzen zu wollen.

Die Nachrichten über den Sturz des Zaren, der Kriegseintritt der USA – verbunden mit einem Friedensplan des US-Präsidenten Wilson auf der einen Seite und andererseits die Ausweitung des Seekrieges durch die Reichsregierung lösten unter den Matrosen der Kriegsmarine erhebliche Unruhe aus. Zusätzlich zur großen Unzufriedenheit trugen die katastrophale Versorgungslage bei den Matrosen (während die Verpflegung bei den Offizieren weiterhin gut blieb) in Verbindung mit zunehmenden militärischen Drill bei. Wie sich dagegen wehren?

Waren den Matrosen ihre traditionellen Interessenvertreter für ihre Sorgen in Form von Gewerkschaftsfunktionären und SPD-Politikern seit 1914 aufgrund deren „Burgfriedenspolitik“ abhanden gekommen, so gab es im Frühjahr des Jahres 1917 mit Gründung der USPD einen neuen Ansprechpartner.

Die von der rechten Mehrheit des SPD-Parteivorstandes eskalierte Disziplinierungspolitik gegenüber der Parteilinken hatte im April zur Gründung der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei (USPD) geführt. Die sich bereits ein Jahr vorher konstituierte „Spartakus-Gruppe“ um Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg (die sich beide Anfang 1917 wegen ihrer konsequenten Antikriegspropaganda in Haft befanden) hatte sich unter Wahrung ihrer organisatorischen und politischen Eigenständigkeit der USPD angeschlossen.

Zwischen Vertretern der antimilitaristich gesinnten Matrosen und USPD-Politikern kam es seit dem Frühjahr in den Kriegsmarinehäfen Wilhelmshafen und Kiel wiederholt zu Treffen, um sich über die Stimmung der Matrosen der Kriegsmarine auszutauschen. Daraufhin begannen sich Matrosen schiffsübergreifend Anfang Juli1917 zu organisieren. Auf einer in Kiel stattgefundenen Zusammenkunft – von Köbis und Reichpietsch einberufen – wurde der „Soldatenbund“ gegründet, der die Friedenspolitik der USPD unter den Mannschaften der Kriegsmarine popularisieren und Widerstandsaktionen auf den Schiffen initieren sollte.

Darauf hin kam es im Sommer 1917 auf mehreren Schiffen der Kriegsmarine zu Protestaktionen in Form von sogenannten „Ausmärschen“, dem kurzzeitigen unerlaubten Entfernen vom Schiff während der Dienstzeit.

Das machten am 1. August auch 49 Matrosen der in Wilhelmshaven vor Anker liegenden „Prinzregent Luitpold“ - und wurden dafür mit harten Arreststrafen belegt. Aus Solidarität mit ihren Kameraden verließen daraufhin am nächsten Tag 600 Mann desselben Schiffes ihren Dienst „als geschlossene Dienstverweigerung“ und hielten an Land eine Versammlung ab. Nach Rückkehr auf das Schiff wurden die angeblichen Rädelsführer verhaftet.Am 25. August fand der Prozeß statt, der mit Todesurteilen für Albin Köbis und Max Reichpietsch „wegen vollendeter kriegsverräterischer Aufstandserregung“ endete.

In der Urteilsbegründung hieß es:“Denn nicht erst in dem äußeren Losschlagen, in der Gewaltanwendung, sondern bereits in der Bildung einer mit bestimmten landesverräterischen Zielen bestehenden Organisation, die auf einen Wink der Leitung jeden Augenblick losschlagen konnte, erkannte das Gericht die Vollendung der kriegsverräterischen Aufstandserregung.“

In den frühen Morgenstunden des 5. September 1917 starben sie durch die Kugeln eines Erschießungskommandos auf dem militärichen Übungsplatz in Köln-Wahn. Aus Angst, Soldaten könnten die Erschießung verweigern, teilten die Vorgesetzten dem Exekutionskommando mit, daß sie englische Spione zu erschießen hätten. Über 50 weitere Matrosen wurden in weiteren Prozessen zu 400 Jahren Zuchthaus verurteilt.

Frau von der Leyen sucht neue Namen für Kasernen. Warum nicht eine Albin Köbis- und eine Max-Reichpietsch- Kaserne?