Wolfgang Gedeon – Von der KPD/ML zum Rechtsaußen in der AfD
Interview des Roten Morgen mit Genossen Winnie aus Gelsenkirchen

RM: Lieber Winnie, die älteren Linken in Gelsenkirchen waren schockiert als sie aus der Zeitung erfuhren,daß ihr geschätzter linker Arzt von einst jetzt Landtagsabgeordneter der AfD in Baden-Württemberg ist und aus dieser wegen „Antisemitismus“ und Rechtsabweichung ausgeschlossen werden soll.Winnie, du kennst ihn von früher aus der KPD/ML. Wie hast du ihn kennengelernt?

Winnie: Während meiner Lehre zum Dekorateur, hüpfte Wolfgang Gedeon beim Verkauf des Roten Morgen vor dem Schaufenster herum. So kamen wir ins Gespräch und ich kaufte ab und zu mal den Roten Morgen. 1971 war dann die Rote-Punkt-Aktion gegen die Fahrpreiserhöhung der BOGESTRA (Bochum-Gelsenkirchener Staßenbahn AG). Damals fuhr eine Straßenbahn in die Sitzblockade. Auch hier traf ich wieder Wolfgang Gedeon. Vorher war ich schon bekannt mit einem Wolfgang von der SDAJ, der mir etwas von der Mauer der DDR als „antifaschistischem Schutzwall“ erzählte. Damit konnte ich nichts anfangen. Der andere Wolfgang, Wolfgang Gedeon war jedoch gegen die Mauer. So kamen wir ins Gespräch und später in die Rote Garde, die Jugendorganisation der KPD/ML. Dann fuhren wir zum Rote-Garde-Festival nach Essen, verkauften überall den Roten Morgen.

Erst später erfuhr ich, daß er Arzt war, weil er immer wie ein Malocher aussah. Ich hatte Rückenschmerzen, da wurde er mir von Kwolli als Arzt empfohlen. Er gab mir eine Spritze und renkte mich wieder ein. Seitdem war ich Patient in seiner Praxis und auch bei seinem Nachfolger. Es gab in Gelsenkirchen einen Spruch unter den Arbeitern: „Wer einen Schein braucht, geht zu Muschallik,dem Geiger (der Arzt war Hobby-Geiger),wer gesund werden will,geht zu Gedeon.“ Die meisten Küppersbusch-Arbeiter gingen zu Gedeon. Das sah die Betriebsleitung nicht gerne, weil er als „Aufrührer“ vor Küpperbusch den Roten Morgen verkaufte. In seiner Praxis hingen Bilder aus Albanien, der Rote Morgen und der Roman „Kommissar Memo“ des albanischen Schriftstellers Dritero Agolli liegt immer Wartezimmer aus.

In der Praxis rührten wir den Kleister für die Plakate an. Wolfgang Gedeon kandidierte auch in Gelsenkirchen für die KPD/ML. Wir machten auch eine Aktion gegen die Schließung der kleinen Krankenhäuser im Raum Gelsenkirchen/Essen. Damals bekam Wolfgang eine Strafe wegen eines Flugblatts zur Aktion. In der Agitprop-Gruppe Pfeffermühle spielte er Akkordeon.Er war allseits beliebt als Arzt und Genosse. Gleichzeitig war er noch Mitglied bei den Ärzten gegen Atomkraft und Krieg und bei der Volksfront gegen Faschismus und Krieg.

RM: Wann trat Wolfgang Gedeon aus der KPD/ML aus?

Winnie: Das muß Mitte der 80er Jahre gewesen sein. Er war aber noch aktiv in der Anti-AKW-Bewegung und Friedensbewegung.Er war auch Vereinsarzt vom ASG (Arbeiter-Sport-Gemeinschaft) Ückendorf.

RM: Wie setzte der ideologische Wandel bei Wolfgang Gedeon ein ?

Winnie: Es begann mit Esoterik, Wünschelruten, Pendeln. Ich sagte zu ihm, daß ich normal wie immer ohne Hokuspokus behandelt werden wolle. Plötzlich trat er im Fernsehen mit Gesundheitssteinen auf. Als KPD/MLer war er immer fanatisch. Genauso steigerte er sich in die Esoterik hinein. Die KPD/ML-Zeit bezeichnete er seinem Arztnachfolger, gegenüber als „Jugendsünde“.

RM: Wie erklärst du dir den Wandel von Gedeon von Marx zu Murks?

Winnie: Das kann ich mir nicht erklären. Das ist für mich nicht erklärbar, was ihn da geritten hat.

Ich schlage als Gag vor: Falls er aus der AfD ausgeschlossen wird, kann er als KPD/ML-Abgeordneter seine Arbeit im Landtag fortsetzen.